Auf den Spuren von Fritz Walter, Uwe Seeler und Zlatan Ibrahimovic

von 07 Jun 2016Kultur
Fußball-WM '58: Halbfinalist Deutschland

Neulich kam Nils, mein fußballgegeisterter Sohn, mit der Frage an: Wie haben eigentlich unsere Weltmeister von 1954 ihren Titel vier Jahre nach dem Fußball-Wunder von Bern verteidigt? Ich: „Schau doch im Netz nach!“. Er: Ipad gepackt und für zwei Stunden in die Ecke verzogen. Am Abend präsentierte er mir, stolz wie Kaiser Beckenbauer, den Plan für eine Fußball-Reise durch Südschweden.

Seine Spurensuche führte zunächst nach Skåne – genauer gesagt nach Bjärreds Saltsjöbad. In der Kleinstadt am Ufer der Ostsee hatte Bundestrainer Sepp Herberger ein Familienhotel mit Minigolfplatz aufgetan, hier in der idyllische Abgeschiedenheit des schonischen Seebads sollte im Sommer 1958 der Geist von Spiez noch einmal niederkommen auf Fritz Walter, Helmut Rahn und ein junges Nachwuchs-Talent namens Uwe Seeler.

Das Hotel, in dem sich Torwart Fritz Herkenrath Nacht für Nacht schlaflos im Bett wälzte und nimmermüde die hellen schwedischen Sommernächte beklagte, finden Besucher heute nicht mehr. Dafür die herrliche Umgebung, in der „Chef“ Herberger seinen WM-Helden damals mit Angel-Exkursionen, Tischtennis-Turnieren und Volkstänzen (für die Polonaise um den Mittsommerbaum wurde eigens eine Trachten-Truppe aus dem Schwäbischen herbestellt) die nötige Entspannung verschaffte. Relax-Highlight für heutige Gäste ist das Kallbadhus am Ende der Seebrücke, die 600 Meter weit in die Ostsee ragt. Die Aussicht auf die mäjestätisch geschwungene Öresundbrücke am Horizont sei „der Hammer“, meint Nils und recherchierte gleich noch Angebot, Termine und Preise: Schwimmbad und Sauna bleiben im Sommer bis 22 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 80 SEK; Kinder bis sechs Jahre frei. Das Restaurant mit Panorama-Terrasse bietet vor allem Fisch in skandinavisch-mediterranem Crossover-Stil; hier ein Blick in die Speisekarte. Tischresevierung unter mailto:boka@kallbadhus.se

Aber Nils führt uns nochmals zurück ins Jahr 1958: Im Malmö-Stadion schoss der junge HSV-Stürmer Seeler damals das erste WM-Tor seiner Karriere (von insgesamt 43 im Nationaltrikot); die WM in Schweden brachte ihm den Durchbruch zum internationalen Top-Star. Mit seinem 2:1, gekrönt von Rahns 3:1, gegen Argentinien gelang der Einzug ins Halbfinale, wo schließlich Gastgeber Schweden die Weltmeister erwartete.

24. Juni 1958, die „Schlacht von Göteborg“. Im vollbesetzten Ullevi-Stadion treffen die Deutschen auf einen Gegner, mit dem sie nicht gerechnet hatten: das Publikum. Angefeuert von Fahnenschwenkern und Megafon-Anheizern am Spielfeldrand schreien die schwedischen Fans ihre Mannschaft zum Sieg – eine Kulisse, die den deutschen Spieler-Nerven offenbar zusetzte. Uwe Seeler berichtet später: „1958 habe ich es das erste Mal erlebt, dass nicht der Fußball, sondern das, was auf den Tribünen passierte, im Vordergrund stand. Man hatte das Gefühl, gegen eine Mauer zu rennen, so laut tönte uns das zigtausendstimmige ´Heja-heja´-Gebrüll entgegen.“ Im Stadion habe eine Atmosphäre geherrscht, erinnert sich Seeler „wie in einem Dampfkessel, der jeden Augenblick explodieren kann.“ In diesem Hexenkessel gewinnt am Ende Schweden mit 3:1 – und in Seelers Heimat kocht die Volksseele über. Es kommt zu Übergriffen auf schwedische Touristen und Geschäftseisende, ein Hamburger Restaurant nimmt symbolisch die „Schwedenplatte“ von der Speisekarte, eine Bar auf der Reeperbahn, wo das Bier für Deutsche eine Mark kostet, verlangt von Schweden fünf. Und ein Tankstellenpächter in Flensburg weigert sich, Autos von Schweden zu betanken, woraufhin diese nicht mehr nach Hause kommen. Herbergers Männern verweigern die Teilnahme an der Siegesfeier in Stockholm. Die Botschaften beider Länder haben noch Monate damit zu tun, die Wogen zu glätten. Meine Güte, was der Junge so alles rauskriegt!

Es gibt nur wenig Bildmaterial der 58er WM in Schweden. Aber auf Youtube kann man ein Video finden, das ein seltenes Zeitdokument des legendären Göteborg-Spiels zeigt: So berichtete damals das deutsche Fernsehen über die „Hölle von Göteborg“. Zum Video

Seeler selbst verletzte sich in Göteborg und verpasste das „kleine Finale“ gegen Frankreich, wo man erneut verlor. Ebenso wie anschließend Schweden im großen Finale. Weltmeister wurde Brasilien mit dem damals 17-jährigen Pelé.

Heute steht Göteborg fußballerisch für das genaue Gegenteil solcher Chauvinismen, nämlich für vorbildliche Völkerverständigung auf dem Rasen: Jedes Jahr findet hier das weltgrößte und internationalste Jugendfußballturnier statt, der Gothia Cup – 2016 vom 17.-23. Juli. Rund 1.600 Mannschaften aus 80 Nationen von Algerien bis Zimbabwe tragen in wenigen Tagen 4.500 Spiele auf 110 Plätzen aus. Nirgendwo auf dem Globus erlebt man Fußball-Begeisterung dichter und intensiver als hier. Und nicht nur wegen der rund 20.000 Tore, die hier alljährlich bejubelt werden, lohnt sich ein Besuch – nein, hier begegnet man auch den Weltstars und Weltmeistern von morgen: Alan Shearer, Ze Roberto, Xabi Alonso, Andrea Pirlo oder Kerstin Garefrekes haben beim Gothia Cup gekickt – als No-Names in irgend einer Jugendmannschaft. Jetzt will Nils natürlich auch hin, mit seinen Jungs vom SV Strandkickers.

fußballturnier in schweden

Hier geht’s zu Teil 2  der Fußball-Reise!

Grußformel Petra Pan

2 Kommentare

  • Lena sagt:

    Hej, mein Großvater erzählt immer, dass er damals in Bjärred im Mannschaftshotel als Kellner ausgeholfen hat und die deutschen Spieler kennenlernte. Es muss ein sehr schönes altes Hotel aus Holz gebaut gewesen sein. Habt Ihr vielleicht Fotos davon, das würde ihn sicher freuen! Es soll ja nicht mehr existieren, wie Ihr schreibt.
    Herzliche Grüße aus Holstein
    Lena

    • Petra Pan sagt:

      Hej Lena,

      wie schön dass dir mein Blog gefällt und Erinnerungen geweckt werden. Leider konnte Nils auf seiner Reise durch die weite Welt des Internets den Namen des Hotels nicht erfahren. Es ist überall immer nur von einem Familienhotel die Rede, allerdings wird nie der genaue Name genannt. Auch Fotos von dem Hotelgelände hat er bislang nicht gefunden. Wenn er nachher nach Hause kommt werde ich mit ihm aber nochmal sprechen und ihm von dir erzählen. Sollte er dann doch noch etwas finden was deinem Opa gefallen könnte, schreibe ich dir wieder, ok?

      Bis dahin wünsche ich dir weiterhin viel Spaß mit meinem Blog, liebe Grüße auch an deinen Opa.

      Kram vi ses,

      Petra Pan

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